Anna Eisermann

Besuch im Atelier von Anna Eisermann in Hannover.

Annas Arbeitsraum befindet sich in einer großen weißen, sehr elegeanten Villa im Norden von Hannover. Bei meiner Ankunft erwartet mich Anna bereits sitzend auf den Stufen nahe des Eingangsbereichs. Sie lädt mich ein, mich neben sie zu setzen. Unser Treffen beginnt in einer sehr entspannten Atmosphäre. Sie erzählt mir, dass sie gerade dabei ist ihre To-do-Liste für den Tag fertigzustellen. Sie zündet sich dabei eine Zigarette an und erzählt mir von den verschiedenen Menschen, die hier im Gebäude arbeiten, von den Marmorkorridoren und den eleganten Räumen. Dann stehen wir auf. Ich folge ihr zu den Treppen auf der anderen Seite des Gebäudes und wir gehen ins runter ins Souterrain. Es wundert mich, dass wir nicht den Haupteingang benutzen. 

Unten geht es einen langen Gang entlang, bis wir die Tür ihres Ateliers erreichen. Vor der Tür hängt ein Schild mit der Aufschrift „Kantine“. Offensichtlich war hier früher der Speisesaal. Als wir eintreten, fallen mir zu aller erst zwei rosa Stofffinger auf einem Tisch auf. Um in den Raum zu gelangen, muss ich über einen Stoffkörper steigen, an dem Anna gerade arbeitet. Eine Nähmaschine, Scheren und Skizzen liegen überall im Raum verteilt. An den Wänden hängen Formen von Brüsten und Lippen. Annas Atelier überrascht mich, da es wie eine Art eigenständige Welt aus Stoffen, Augen, Brüsten und Stoffpuppen wirkt. Vor dem Chaos hier hatte Anna mich bereits vorab gewarnt, da sie gerade intensiv an zwei Ausstellungen arbeitet, davon eine im Kunstverein Hannover und eine im Schloss Landestrost. 

„Es stimmt, dass überall Chaos herrscht, aber es ist ein Chaos, in dem ich sehr gut arbeiten kann. Ich weiß, wo die Dinge sind. Ich habe ein funktionierendes System.“ Es gefällt mir, dass ich ihren Arbeitsort so besuchen darf, wie sie ihn tatsächlich in ihrer täglichen Arbeit nutzt. Im zweiten Raum ihres Ateliers gibt es eine große Auswahl von Kostümen und Kleidung sowie von Anna selbst entworfenen Stoffpuppen. Anna zeigt mir auch, wie sie webt. Bei einer Tasse Tee, der Wasserkocher befindet sich unter einem Tisch, beginnen wir unser Gespräch über ihre Arbeit. Hier entsteht auch das erste Portät.

Es ist mein Chaos, mein Reich. Es ist mir sehr wichtig, dass ich hier niemanden reinlassen muss.

Welche Bedeutung hat dein Atelier für dich?

Es ist mein Chaos, mein Reich. Es ist mir sehr wichtig, dass ich hier niemanden reinlassen muss. Natürlich kommen Freunde hierher aber manchmal möchte ich auch einfach alleine hier sein und das diese Entscheidung in meinen Händen liegt, ist super. Wenn meine Freunde mich früher nicht erreicht haben, sind sie einmal ums Haus herumgegangen und haben hier ans Fenster geklopft. Das hat mich jedes Mal tierisch erschrocken aber jetzt geht das nicht mehr, weil vor dem Fenster alles zugewachsen ist. Auch dass es keine weiteren Künstler hier gibt, gefällt mir sehr.

Warum gefällt es dir, dass es hier keine Künstlergemeinschaft gibt?

Wenn ich hierher komme muss ich hungrig sein. Ich sollte vor der Arbeit nicht zu viel sehen. Ich komme um neun Uhr morgens in mein Atelier und arbeite. Ob das so in einer Ateliergemeinschaft funktionieren würde für mich, weiß ich nicht. Du siehst die Leute, lässt dich schneller ablenken. Hier komme ich durch meinen Kellereingang und sehe niemanden. Das ist gut für mich.

Atelier von Anna Eisermann in Hannover.

Ich weiß auch, dass Sachen hier manchmal fünf Jahre lang rumliegen und ich in dieser Zeit nicht richtig weiß, wo sie sind, weil ich sie nicht brauche. Wenn ich sie dann aber benötige, finde ich sie sofort.

Wie sieht eine typische Arbeitswoche bei dir aus?

Ich bin jede Woche regelmäßig hier, ob ich etwas produziere, etwas mache, ist die eine Sache aber ich bin auf jeden Fall hier und in dieser Zeit entsteht auch irgendwann immer etwas. Natürlich gibt es den Familienalltag zu Hause aber in meinem Atelier bin ich die Herrscherin. Hier muss ich mich mit niemandem absprechen. Alles was hier passiert, bin ich und ist meins. Das gefällt mir. Und natürlich hängt es auch damit zusammen, was man zu tun hat. Wenn man etwas gerade fertig gestellt hat, dann ist es nicht so, dass zwei Woche nichts passiert. Ich lege manchmal drei Arbeiten zusammen und dann kommt der Zeitpunkt, wo ich diese verbinde. Das ist dann Handwerk und nicht der kreative Teil. Dazu braucht man auch immer Zeit und Motivation. Es ist immer ein Prozess, in dem das eine ins andere greift.

Du sprichst über dein Atelier als „dein Chaos“ - Was erzählt dies über dich und deine Arbeit?

An Tagen wie etwa dem offenen Atelier räume ich den ganzen Kram hier weg. Die tausenden von Stoffstücken, Reste oder auch die Füllwatte. Ich versuche in diesen Momenten die Sachen ordentlich zu sortieren, dann gibt es viel mehr Platz hier im Atelier, die Besucher:innen kommen und schauen sich mein Atelier an aber sobald ich wieder anfange zu arbeiten, finde ich die Sachen nicht mehr richtig. Ich habe drei gute Scheren und die liegen immer irgendwo unter irgendwelchen Stoffstücken aber ich weiß intuitiv, wo eine dieser Scheren liegt. Ich achte nicht darauf, wo ich die Sachen hinlege aber ich finde die Dinge wie in einem magischen Moment in meinem Chaos wieder. Es ist wie eine Bestätigung für dieses Chaos, wenn ich diese Momente in meiner Arbeit habe. In meinem Tun bin ich sehr strukturiert aber die Art und Weise wie ich alles lagere, ist chaotisch. Manche Leute haben ihre Utensilien in Schubladen nach Größe, Form und Farbe sortiert aber das ist bei mir nicht der Fall. Ich wundere mich selbst, dass es so funktioniert aber dieses, mein Chaos, ist nicht umsonst da.

Weißt du, was es alles in deinem Atelier gibt?

Ich weiß alles, was es hier gibt trotz des Chaos. Ich weiß auch, dass Sachen hier manchmal fünf Jahre lang rumliegen und ich in dieser Zeit nicht richtig weiß, wo sie sind, weil ich sie nicht brauche. Wenn ich sie dann aber benötige, finde ich sie sofort. Ein kleines Beispiel:

Ich kann mir ganz schwer Gesichter merken und erkenne Leute manchmal, obwohl wir miteinander gesprochen haben, nicht wieder. Aber bei Farben, Bildern, Stoffen, kleinen Dingen passiert mir das nie – das ist wie eine kleine Bibliothek in meinem Kopf. Wenn ich mich in meiner Arbeit auf etwas fokussiere, dann weiß ich, wo die Dinge sind, die ich brauche.

Wie sieht die Arbeit, dein Vorgehen an deinen Werken genau aus?

Es ist ähnlich wie mit der Frage danach, ob ich weiß, was es alles in meinem Atelier gibt. Es ist ganz oft so, dass ich eine Sache anfange und denke, dass sie so und so enden wird. Dieser Plan gelingt aber nie.

In meinem ersten Studium, der Malerei, sollte man vor dem eigentlichen Bild eine Skizze anlegen. Also eine Kompositionsskizze und daran anschließend die Farbsuche starten. Man sollte partout nichts spontan aus dem Kopf machen. Ich habe immer versucht, diesen Weg zu verlassen, da mir dieser Weg nicht flexibel genug erschien. Dieser Prozess des Beginnens, Liegenlassens, Wiederkehrens ist für mich sehr produktiv. So entwickeln sich meine Arbeiten und ich fühle mich in diesem Zustand sehr wohl. Die Arbeiten brauchen einfach ihre Zeit, ihren Moment.

Anna Eisermann in Hannover / drinnen projekt
Atelier Anna Eisermann

„Alles kostet Kraft und Kraft ist wirklich kostbar.“

Wie stehst du zur Vermarktung von Kunst und Künstlern in den Sozialen Medien und auf Instagram?

Wenn man wirklich einen Account führt, steckt dahinter wahnsinnig viel Arbeit. Es muss eine Motivation dahinter geben, wie z.B. über diese Plattform Geld zu verdienen, bekannt zu werden oder ähnliches. Manche wählen diesen Weg und es klappt, andere unterschätzen das Volumen an Arbeit, was dahintersteckt und bleiben vielleicht nicht kontinuierlich dabei. Dann klappt es nicht. Ich wusste von Anfang an, dass dies nicht mein Weg ist. Ich mache das ab und an und glaube, dass dies ein guter Weg ist, um Publikum zu erreichen und sein Portfolio zu präsentieren aber zu hoffen, dass ich durch Instagram erfolgreich werde, ist nicht mein Begehren. Das würde mich von meiner eigentlichen künstlerischen Arbeit abhalten. Wenn es aber eine Person gäbe, die dies für mich machen würde, dann wäre das eine Möglichkeit, es auszuprobieren. Aber diese Person müsste wirklich gut zu mir und meiner Arbeit passen. Alles kostet Kraft und Kraft ist wirklich kostbar. Man muss sich also gut überlegen, wohin man steuern möchte und dafür sind mir die Sozialen Medien nicht wichtig genug.

Woher kam der Impuls mit Textilien zu arbeiten?

Ich hatte eine Ausstellung für Blinde. Da galt es Werke zu beschreiben. Innerhalb dieses Prozesses habe ich mich an etwas aus meiner Kindheit erinnert: Auf meinem Weg von Zu Hause in die Schule bin ich immer in einem vollen Bus gefahren und habe dort heimlich Pelzmäntel, Ledertaschen und Dinge, die nicht meine sind, mit einer spannenden Textur angefasst. Da habe ich mich daran erinnert, was dieses Fühlen von Samt, Seide, Leder, Kunstleder, Pelz und diese Kombination daraus bedeutet. Es ist wie ein besonderer/zusätzlicher Sinn der durch die Assoziation mit diesen Materialien passiert. Das spielt eine große Rolle in meinen Arbeiten, dass man über die Textur des Stoffes eine zusätzliche Emotion für sich rausfischen kann. Als Kind bin ich immer auf einem Teppich eingeschlafen und habe den Stoff des Teppichs dabei hin und her gewuschelt. Textilien habe ich schon immer gerne angefasst und dieses Gefühl habe ich dann als Erwachsene von ganz unten hoch geholt und wie ein Maler Farben verwendet, verwende ich jetzt Textilien und Stoffe aller Art für meine Arbeiten.

Besuch im Atelier von Anna Eisermann in Hannover.

„Früher bin ich in einen Laden gegangen und habe mir dort Farben gekauft aber jetzt besorge ich mir meine Arbeitsmaterialien im Secondhandshop.“

Woher bekommst du deine Stoffe und Kleidungsstücke?

Es gibt so viele Stoffe und Kleidung überall. Es gilt die Augen offen zu halten und zu fragen. Vor einigen Jahren habe ich meine Freundinnen gefragt, ob sie BHs übrig haben. Das ist ein Kleidungsstück was energetisch und emotional aufgeladen ist und plötzlich hatte ich drei Tüten BHs. Das war das erste, wo ich Freunde gefragt habe und habe gemerkt, dass dies ein guter Weg ist. Vielleicht hat die ein oder andere Oma noch einen Pelzmantel im Schrank versteckt oder manchmal kommen Leute und fragen mich, ob ich etwas brauche. Auch im Secondhandshop gibt es oft Kuriositäten, die ich dann kaufe. Früher bin ich in einen Laden gegangen und habe mir dort Farben gekauft aber jetzt besorge ich mir meine Arbeitsmaterialien im Secondhandshop.

Du hast erzählt, dass du alle Kleidungsstück, mit denen du arbeitest, vorher selber anziehst. Warum?

Ich probiere die Sachen nicht an, um mich zu verkleiden. Es gibt Menschen, die ihre Kleidungsstücke wirklich lieben und wenn diese dann über einen Secondhandshop zu mir gelangen, ist das wie eine eigene Geschichte. Ich frage mich dann, zu welchem Anlass das Kleid gekauft und getragen wurde, ob es gekauft oder geschenkt worden ist. Für mich ist das die Möglichkeit eines spannenden Kopfkinos und das Brechen mit etwas. Wenn ich z.B. die Kleidung einer Freundin trage, kann ich mich wie in ihrer Haut fühlen. Ich bin dann jemand anders. Das ist wie ein Spiel, ein kleines Ritual.

Im Atelier von Anna Eisermann in Hannover.

Bis zum 22.10 kann man einen Teil von Annas Arbeiten in der 90. Herbsausstellung des Kunstvereins Hannover anschauen.

Und vom 17.09 bis zum 29.10.2023 hat Anna ihre Soloaustellung im Schloss Landestrost.


Text: Janine Ahmann

Bilder: Irving Villegas

Janine Ahmann, geboren 1990, studierte Philosophie, Germanistik und Kulturpoetik der Literatur und Medien in Münster und Venedig sowie Deutsch als Fremdsprache über das Goethe Institut. Seit 2010 war sie in verschiedenen Positionen am Theater und an der Universität Münster tätig, kuratierte die Bereiche Musik und Bildende Kunst bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen und war von 2020-2023 als Referentin der Intendantin an der Staatsoper Hannover beschäftigt. Seit Beginn ihres Studiums liegt ein Fokus ihrer Tätigkeit auf dem Verfassen wissenschaftlicher, literarischer und journalistischer Texte. Zusammen mit Irving Villegas veröffentlichte sie zuletzt 2021 die Geschichte über die Einsamkeit während der Corona-Pandemie in Mexiko in der Chrismon.

Irving Villegas, geboren 1982 in Mexiko, hat Fotojornalismus und Dokumentarfotographie an der Hochschule Hannover University of Applied Sciences and Arts studiert. Derzeit pendelt er zwischen Hannover und Berlin.Arbeiten von ihm wurden in verschiedenen Magazinen und Zeitungen wie etwa The New York Times, The Guardian, Der Spiegel, 6 mois, Huffington post, Fluter, Hannoversche Allgemeine Zeitung veröffentlicht.

Irving Villegas

Irving Villegas, geboren 1982 in Mexiko geboren, hat Fotojornalismus und Dokumentarfotographie an der Hochschule Hannover University of Applied Sciences and Arts studiert. Derzeit pendelt er zwischen Hannover und Berlin.Arbeiten von ihm wurden in verschiedenen Magazinen und Zeitungen wie etwa The New York Times, The Guardian, Der Spiegel, 6 mois, Huffington post, Fluter, Hannoversche Allgemeine Zeitung veröffentlicht.

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Pepa Salas Vilar